Unterkassamham

Was würde ich als Bauer wohl machen, wenn die Nachbarsbengel Raketen aufs nächstgelegene Dorf abfeuern würde und ich wüßte, daß anschließend die Bürgerwehr vom Nachbardorf kommen wird und mir den Acker plattwalzt? Mal überlegen...

Ich würde mir selbstverständlich den Acker plattwalzen lassen und mich dann lauthals darüber beklagen, daß diese Schweine vom Nachbardorf voller mir unverständlicher Aggressionen sind, mir andauernd den Acker plattwalzen und außerdem verhindern, daß ich meine Waren in die Kreisstadt liefern kann, weil sie um mein Dorf herum eine Blockade errichtet haben, die wir aber durch das Graben von Tunneln umgehen, um noch mehr Raketenbauteile, Waffen und außerdem eben das Nötigste hereinzuschmuggeln.

Nur für meine Feldfrüchte, die ich im letzten Jahr noch verkaufen und dafür gutes Geld verlangen konnte, sieht es halt im Augenblick nicht besonders gut aus, und das, obwohl ich mir erst in diesem Jahr aus Ersatzteilen, die schon fünfmal verwendet wurden (diese fiese Blockade vom Nachbardorf) eine notdürftige Bewässerungsanlage gebaut habe. Die wurde als erstes plattgewalzt, und ich kann das nicht verstehen. Warum tun die das? Warum lassen sie mich so leiden?

Reporter: "Aber von ihrem Acker aus wurden doch Raketen abgefeuert, das haben Sie doch eben noch gesagt?"

Bauer Brunnhuber aus Unterkassamham: "Ja, aber schaun's, das ist doch nur wegen der Blockade. Wir werden doch noch das Recht haben, uns gegen die Besatzung und die Blockade zu wehren, gell? Doch jedesmal, wenn wir eine von unseren hausgemachten Sylvesterraketen zu den Dreckhammeln da drüben hinüberschießen, gewissermaßen aus Gaudi, kommen dicke Raketen zurück, die genauer treffen, als alles, was wir zusammenbauen können."

Reporter: "Aber die Hintertupfinger Wehrbauern haben sich doch komplett aus ihrem Dorfgebiet zurückgezogen und hätten sogar ihre Gebäude hinterlassen, die..."

Brunnhuber (unterbricht): "Das haben wir die schön alles selber abreißen lassen. Das gehörte zur Abzugsvereinbarung."

Reporter (perplex): "Auch die Wohngebäude und die hochmodernen Bewässerungsanlagen?"

Brunnhuber: "Alles."

Reporter: "Wieso?"

Brunnhuber: "Um es diesen Lumpen mal so richtig zu zeigen und damit unsere Frauen und Kinder sich nicht an den Gegenständen, die von so ausg'schamten Krattlern errichtet wurden, vergiften."

Reporter: "Aha. Um mal auf die Kinder zu kommen. Ich habe gehört, ihr vierzehnjähriger Neffe hat sich und einige Bewohner des Nachbardorfes, die gerade auf der Terrasse der Dorfschenke beim Kaffeetrinken saßen, in die Luft gejagt."

Brunnhuber: "Ja, wir trauern um den Beppi, dessen Tod zweifellos diese Hunde aus Hintertupfing verursacht haben. Sie haben ihn in den Tod getrieben. Meine Schwägerin, die Resl, weint sich die Augen aus, aber ich versichere ihr jeden Tag, daß sein Tod gerächt werden wird. Da ist ja noch mein zweiter Neffe, der Alois, und mein Hiasl ist in drei Jahren auch so weit. Dennoch sind wir stolz, weil der Beppi jetzt als Märtyrer im Himmel wohnt und jeden Tag a sauers Lüngerl und als Nachspeis Dampnudeln essen darf. Außerdem stehen ihm 72 Jungfrauen jederzeit zur Verfügung."

Reporter (würgt leise): "Aber er war doch erst vierzehn. Was soll er denn mit 72 Jungfrauen? Wäre es nicht besser gewesen, ihn zur Schule zu schicken, damit er eine Zukunft gehabt hätte?"

Brunnhuber (raunzt): "Und am besten hätt er dann auch noch rauchen, saufen, Motorrad fahren, an Heavy Metal hören, Freundinnen haben und später mal Bauingenieur werden und heiraten solln, oder was?"

Reporter: "Ja, warum nicht?"

Brunnhuber (verliert die Beherrschung): "Jetzt pass aba amoi auf, du daherglaffana Stohdara. Mir ham hier no a Ehr' im Leib, host mi? Mir san hier glücklicher ojs de ganzen Krattler und Sandler in Hintertupfing, de wo bloß mit Sex, Alkohol und Drogen umanandadean und si an Hehnadregg um Ehre und Anstand kümmern. De wohnan erst seit fünf Generationen in Hintertupfing! Scheißzuazongne Preissn san des! Mei Frau lafft an ganzn Tag vojverschleiert rum, und da Dokta hat gmoant, desweng hat da Bua aa d'Rachitis, der dabarmt ma ja aa, aber d'Vroni versichert mia jeedn Doog, wia froh sie is, daß mia zwengst a Ziel vor Aung und an Sinn für die inneren Werte ham, anstatt so an Grampf wiara Freiheit und a Individualidäd. Und solang da Hiasl auf seine krumma Haxn bis zum Tschäckpoindt laffa ko und si dann in d'Luft sprengt, is mia des recht! Mia san mia und de andern kennan olle varrecka!"

Reporter: "Haben Sie noch eine Botschaft an die Welt?"

Brunnhuber (schreit): "Mia wean ned aufhean, bis unser Kampf für die Heilige Dreifaltigkeit durchgstandn is und Altötting, Weihenlinden und Tuntenhausen fest in katholischer Hand san! De Ungleibign miassn alle steam! Preissn raus aus Bayern!" (räuspert sich) "Und jetzt miassn's mi entschuldigen, de Buam wartn. Mia wolln bis heit auf d'Nacht no a paar Raketerln zammschrauben."

Reporter: "Damit gebe ich zurück ins Funkhaus. Das war Neidhart Müller für Bayern-TV aus dem weiterhin hart umkämpften Unterkassamham."