Tweets finden immer ihren Weg zum Fenster hinaus …

Offener Brief an Daniel Schwerd

Hallo Daniel,

ich komme leider nicht umhin, zu bemerken, was Du so diskutierst, wie Du Deinen Twitteraccount zeitweilig löschst und wieder aktivierst – und womit Du Dich rechtfertigst. Dein neuester Text, in dem Du überaus eloquent darlegst, daß man Nazis so übel wie möglich (auch unter Hinnahme gröbster Kollateralschäden) beleidigen sollte, ist äußerst lowclap-würdig. Hauptsache, es trifft die Nazis so hart wie nur möglich, damit die heißen Nazitränen nur so über ihre ungeschlachten Nazigesichter strömen und sie voller Reue dem Nazitum abschwören und wieder großzügig gesonnene, aufrechte Demokraten werden. So … stellst Du Dir das vor, nicht? Nicht? Oh… Ich dachte ja nur.

Du schreibst: „Über Differenzen in den Methoden [Nazis verbal eins in die Fratze zu ballern, d. Red.] kann man sich sicher auch austauschen – in geeignetem Rahmen, mit kühlem Kopfe, wenn niemand gerade in einer Ecke steht und der Solidarität bedarf.“, um dann direkt überzuleiten zu: „Als jüdischer Mensch sehe ich mich permanent Angriffen ausgesetzt, und stehe ständig in einer Verteidigungssituation.“, was dann so ungefähr in einer Anklage mündet, daß Deine Partei Dich im Grunde dauernd angreift, weil Du (wie Du auch offen zugibst) häufig überreagierst und (ab hier übernehme ich wieder) auf Twitter Sprüche der Qualitätsstufe Synapsenkiller raushaust.

Wir sollten also die Klappe halten, Deine halbherzige Entschuldigung schlucken und solidarisch mit Dir sein, wenn Dir wieder so ein mittelkleiner Lapsus unterlaufen ist, damit Du mal für einige Zeit nicht in der Ecke stehst, der Solidarität bedarfst und Deine Methoden Nazis verbal eins in die Fratze zu ballern in Ruhe überdenken und möglicherweise auch überarbeiten kannst? Richtig? Richtig. Wir können es gerne versuchen und sehen, ob diese Vorgehensweise funktionieren würde. Allerdings glaube ich nicht, daß sie von Erfolg gekrönt wäre.

Denn, so schließe ich weiter aus Deinen Äußerungen, ist es Dir eigentlich gar nicht möglich, in Ruhe nachzudenken, weil Du – wie Du selbst ausführst – als jüdischer Mensch permanent Angriffen ausgesetzt bist, ständig in einer Verteidigungssituation stehst und somit – ich überspitze es absichtlich – der permanenten Solidarität bedarfst. Aus diesem permanenten Ausnahmezustand leitest Du Dir – wieder eine meiner Überspitzungen – die Rechtfertigung ab, Nazis (und wen Du so dafür hältst) in einer Weise zu beleidigen, die jeder, der Dich und Deinen Kontext nicht kennt, als antisemitisch auffassen muß. Ich bin nicht sooo intelligent, aber ich glaube, ich erkenne einen Zirkelschluß, wenn ich nur lange genug darüber nachgrüble.

Du wirst in der Öffentlichkeit womöglich eher selten als der jüdische, antifaschistisch engagierte Mensch Daniel Schwerd wahrgenommen, der grade zufällig für die Piratenpartei im NRW-Landtag sitzt. Viel wahrscheinlicher ist mittlerweile, daß die Öffentlichkeit Dich als den peinlichen Piratenfreak @netnrd betrachtet, der sich auch noch auf Kosten des Steuerzahlers im NRW-Landtag einen Bunten macht und – wenn er schon sonst nix Nützliches tut – judenfeindliche Sprüche twittert. Wir wissen beide, daß dieser Screenshot irgendwo existiert, damit irgendwer irgendwann damit wedeln kann. Wetten? Nicht, daß die Öffentlichkeit was gegen judenfeindliche Sprüche hätte, aber man benutzt halt gerne alles, was einem in die Finger fällt, um liebgewonnene Ressentiments zu pflegen. Weißt Du, warum das so ist? Weil es so schön ins Piraten-Narrativ von den chaotischen, geistigen Dünnschiß absondernden Honks paßt, an dem in den letzten zweieinhalb Jahren so hart gearbeitet wurde – sowohl innerhalb als auch außerhalb der Partei.

Menschen sind bequem, sie lieben Verkürzungen und sie haben ein Elefantengedächtnis – für heftige kurze Statements. Nicht umsonst halten sich Zitate jahrhundertelang, während der umfangreichere Kontext schon nach kürzester Zeit verblaßt. Du kannst gerne Texte schreiben, die doppelt und dreifach so lang sind wie der von mir kritisierte, um Dich zu entschuldigen, zu rechtfertigen, um Deine parteiinternen Kritiker anzuklagen; bis auf uns, also diejenigen, die Dir – ob nun freiwillig oder nicht – nahestehen, wird es niemanden da draußen interessieren, denn: Tweets finden immer ihren Weg zum Fenster hinaus …

Bleibt die Frage, was Du willst. Selbstverständlich entscheidest Du, ob Du die Partei, für die Du im NRW-Landtag sitzt, regelmäßig in erklärungsbedürftige Situationen stürzen willst oder ob Du es möglicherweise doch irgendwann für sinnvoll hältst, nicht gleich jeden kurzen, nur umständlich im Nachgang verargumentierbaren Gedankengang für alle Welt sichtbar auf Twitter abzusondern, Dich in seltsame Diskussionen verwickeln zu lassen und insgesamt eine eher tragikomische Figur abzugeben.

Es ist Deine Entscheidung, Daniel Schwerd.

 

Quelle: http://www.daniel-schwerd.de/ueber-das-politisch-korrekte-beleidigen-von-nazis/