Problembärstadt - ein Rant

Da haben sich doch tatsächlich 35 oder 36 semi-prominente Ex-Mitglieder der PIRATEN mit einem Pressestunt verabschiedet und angekündigt, zukünftig eine andere Partei mit ihrer Zuneigung zu erdrücken liebzuhaben. Es sind Personen, die sich bereits gefühlte achthundert Millionen Mal von den PIRATEN verabschiedet haben, hauptsächlich auf Twitter und anderen sozialen Medien, immer in einer Art und Weise, die vermuten läßt, daß der Stachel tief im Herzen sitzt, der Verlust der Lebenszeit gewaltig wurmt und PIRATENseitig nur lauterstes Mitgefühl und zutiefste Dankbarkeit angebracht wären. Ab jetzt gehen sie einer anderen Partei mit ihrem Gestichel, ihrer Wortklauberei, ihren double standards, ihrem Gruppendruck und ihrer grundsätzlichen Gereiztheit auf die Nüsse und nennen das unter Aufbietung all ihres kümmerlichen Humorvermögens "kritisch und solidarisch unterstützen".

Verehrte Ex-Mitglieder, Ihr seid also WIRKLICH noch untereinander vernetzt und noch schafft ihr es sogar, Euch auf EINE Textversion für Eure Pressemitteilungen zu einigen und noch strapaziert Ihr Eure Pressekontakte MIT Erfolg? Ich freu mich so für Euch! Und ich freu mich jetzt schon ganz doll auf den gnatzigen hinten-links-Block auf den Bundesparteitagen jener anderen Partei, der mit Nerfguns herumfuchtelt, grundsätzlich ne Fresse zieht und ganz doll laut "BUUUUUH!" schreit, wenn ihm mißliebige Menschen sprechen und der ganz leise und verzweifelt schluchzt und fürchterlich empfindsam wirkt, wenn das "Buh!" der anderen die eigenen Lieblinge betrifft. Ich wünsche Euch für Eure Karriere in jener anderen Partei alles, was Ihr dort dringend benötigen werdet: Einen starken Magen! Und ausreichend Kotztüten!

Denn normalerweise würde jetzt eine zwanzigsekündige, giggelnde Schweigeminute für jene andere Partei folgen, doch diese ist eine historisch gewachsene Ansammlung ideologisch fröhlich mäandernder Politikerdarsteller, die einander innerparteilich in einer Art und Weise beharken, welche von seltsam lustig (wenn man auf die Darwin Awards steht und "Jackass" mag) bis ab und an schon durchaus ekelhaft rangiert. Da wäre etwa der Versuch einiger von Teilen der Bundestagsfraktion jener anderen Partei eingeladener Anti-Israel-Aktivisten, einen der Bundestagsabgeordneten jener anderen Partei wegen einer von ihm verhinderten Anti-Israel-Veranstaltung am Gedenktag zur Reichspogromnacht im Bundestag zu verprügeln, der nur durch eine Bundestagstoilettentür unterbunden werden konnte und anschließend auf Putins Auslandssender RT Deutsch abgefeiert wurde. Oder die Gaza-Freedom-Flotilla. Oder allgemein-wirre pro-Putin Verschwörungstheorien aus Leipzig.

Wenn man dies, das und noch anderes so liest, könnte man annehmen, diese Partei bestünde überwiegend aus in Kotzstrahlgewittern gehärteten Vollprofis, deren Ekelschwelle man nur mit ganz besonderen Aktionen erreicht. Einfach wird DAS nicht für Euch, verehrte Ex-Mitglieder, denn so abgefuckt seid Ihr nun auch wieder nicht, und zudem ist ja auch noch Wahlkampf in Problembärstadt, dem Dauerkiez mit der jugendlich-lässigen, ähem, verzweifelt-unterfinanzierten Ausstrahlung. Im Wahlkampf, müßt Ihr wissen, ist schon mehr Einsatz gefragt, als zuhause im Warmen irgendwelche tumblr-Pranger mit aus dem Zusammenhang gerissenen Twitter-Dialogen zusammenzuklicken oder gemeinschaftlich Twitter-Blocklisten zu generieren oder mit nacktem Oberkörper für ein paar eher belächelnswerte Agitprop-Fotos zu posen oder "Bombah Härris, heiteitei, Arschleckähn, Kartoffelbrei!!!" zu skandieren, nur um im nächsten Moment extrem empfindsam zu sein und Sylvia Plath zum hundertsten Mal ins Deutsche übersetzen zu wollen. Nein wirklich, Kinners, so macht man KEINEN Wahlkampf!

Wie geht Wahlkampf? Ich erklär Euch das mal, denn ich liebe den Geruch von Wahlkampf am Morgen! Riecht wie Tapetenkleister, Pressefrühstück und Selbstaufopferung! Der Wahlkampfauftakt ist weithin als jener grandiose Moment bekannt, in dem sämtliche Parteien die drückenden Fesseln der Koalitionsfähigkeit abstreifen, die Kandidaten ihre Gesichter zu leutselig blickenden Fäusten ballen, allezeit bereit, dem politischen Gegner eins in die Fresse zu zimmern und gerne auch mal einen freundschaftlichen Bauchschwinger hinterher (insbesondere, wenn es die Ex-Partei ist). WAHLKAMPF! Aah! JAAH! Es ist dieser erregende Augenblick, in dem sämtliche Parteimitglieder sämtlicher Parteien und Wählergruppen sämtliche internen Querelen ruhen lassen, um einen gemeinschaftlichen Organismus bilden, einzig beseelt von dem Ziel, die Fünfprozenthürde zu reißen, um mit einer Stimme und viel Schmackes "Wir sind die Geilsten, schallallallallaaah - UND IHR SEID TOT!!!" zu skandieren. Also das, was Ihr 2013 UND 2014 aus irgendwelchen Gründen NICHT auf die Reihe gekriegt habt. Statt dessen tumblr-Pranger, tränenreiches Hochjazzen von zugegeben blöden Bemerkungen und NSDAP-Vergleiche. Nun, Euer Pressebuzz, liebe 35 oder 36 Ex-Mitglieder, war zum ersten Mal in Eurer politischen Laufbahn seit 2011 ein gelungener Wahlkampfauftakt - für jene andere Partei. Gratulation, Ihr habt augenscheinlich ENDLICH kapiert, worauf es ankommt! Man hätte diesen Euren Provokationsversuch PIRATENseitig durchaus mit Schweigen quittieren können, weil er soo offenkundig war. Aber wir schaffen das noch! Nun, irgendwann ... vielleicht!

Doch wie stahlhart, kampferfahren, listig und ausgekocht muß jene andere Partei sein, wenn sie es sich nicht nur leisten kann, sich zum Wahlkampf 2016 in Berlin eine Horde stichelnder Social-Media-Trolle als "kritische Begleiter" unter die Sitzfläche zu legen, sondern der es in einem sensationellen Stunt auch noch gelingt, für ZWEI (in Zahlen: 2!) konkurrierende Flügel einen eigenen Spitzenkandidaten aufzustellen und das sogar ohne weitere Kosten? Vergangenes Wochenende jedenfalls hat jene andere Partei ihren "israelkritischen" Antiimp-Kandidaten aufgestellt. Der hoffnungsvolle Politstar, Codename: "Das SuperDuperÜberIch", hat sich bereits in den letzten Monaten durch wahlkampfwirksame Aktionen hervorgetan, die vor allem dazu gedacht waren, den nach frischen Verschwörungstheorien geiernden, israelkritischen RT-Deutsch-Teil jener anderen Partei zu entzücken. Dabei hob sich eine Unterstützungskampagne für eine Protestaktion vor dem US-Luftwaffenstützpunkt Ramstein, mit der Unterstützung von so lieben, guten Freunden der Freiheit wie Diether "IM" Dehm,  Inge "Flotilla" Höger und Ken "FM" Jebsen besonders markant hervor. Und auf Youtube läuft seit Monaten schon ein kleiner, feiner Wahlkampfsong mit jungen, hoffnungsvollen Künstlern, die der frischgekürte Spitzenkandidat auf seinem Label "digitale dissidenz" ("Motto: "Musik mit Message und Kanten wie Wasser [...]") geradezu aufopferungsvoll betreut. Kanten wie Wasser, jawohl! Und "Weltanschauliche Berührungspunkte zum Rechtsextremismus in nicht-rechtsextremen Musikszenen" FTW!

Man tut also gut daran - sofern man pragmatisch und ein guter Verlierer ist - beiden Flügeln jener anderen Partei, von Insidern auch liebevoll "Scylla und Charybdis" genannt, einen stimmungsvollen Wahlkampf 2016 in Problembärstadt zu wünschen!