Sehr geehrter Herr Blüm,

ich kann nicht mal behaupten, daß ich Sie nicht leiden könnte. Bisher waren Sie mir weitestgehend egal, bzw. eine weitere kauzige Altpolitikerfigur, die noch gelegentlich ihre Fernsehauftritte absolviert, angesichts derer ich üblicherweise weiterzappe. "Die Renten sind sicher" ist der Spruch, den ich von Ihnen behalten habe, obwohl ich weiß, daß die Renten keineswegs sicher sind, jedenfalls, was meine Generation betrifft.

Gestern klickte ich auf einen Kommentar, den Sie in der "Süddeutschen Zeitung" plaziert hatten. "Ach, was so alles als Polemik durchgeht", dachte ich, als ich die erste Seite überflog, und "Was für ein altsteinzeitliches Weltbild." Naja. Jedenfalls erlosch mein Interesse an Ihrem reichlich verkitschten Ausführungen bald und ich beschloß, etwas anderes zu lesen. 

Als Anatol Stefanowitsch, ein Blogger, den ich nur gelegentlich schätze, heute auf Twitter mit "Blüms Hetzschrift" auftauchte, feilte ich an einer 140-Zeichen-Entgegnung, fand es aber vernünftiger, Ihren Schmarrn nochmal querzulesen, der in einer Dystopie endet, wie sie sich ein Aldous Huxley nicht schöner hätte ausmalen können. Und stieß auf folgenden Satz: 

"Wenn es Gen-Manipulatoren gar gelingt, die Nachfrage nach dem Miteinander an der Wurzel des Menschwerdens schon in der Erbausstattung auszurotten, dann wird der Autismus zum amtlichen Gesellschaftsprogramm."

Wissen Sie was, Herr Blüm? Schnappen Sie sich ein modernes Konversationslexikon, schlagen Sie dort das Stichwort Autismus nach. Unterhalten Sie sich vielleicht mal mit Autisten und ihren Angehörigen. Und dann überlegen Sie mal kurz, was Sie den Autisten da draußen mit ihrem blöden, abwertenden Spruch antun, ganz abgesehen von all jenen, die sich an neuen Formen des Kinderkriegens und -aufziehens versuchen, weil die "bewährten" Modelle wohl längst zum Scheitern verurteilt sind, auch wenn Sie und Ihresgleichen dies nicht wahrhaben wollen.

Was bin ich froh, daß Sie nicht mehr Arbeits- und Sozialminister sind. Was bin ich froh, daß Sie Ihre pseudochristliche Erbärmlichkeit nur noch in Artikeln zur Schau stellen, aber nicht mehr in Gesetzesvorlagen einbringen können.