Annie schlitzt sich auf

Annie schlitzt sich auf. Sie tut dies auf eine abscheuliche, blutspritzende Weise, während sie das Abendessen vorbereitet. An sich sollte Annie nur Tomaten schneiden, anschließend Zucchini, um etwa eine Viertelstunde später ein duftendes, wohlschmeckendes Nudelgericht zu servieren.

Statt dessen springt die Spitze ihres rechten Mittelfingers fürwitzig zwischen die zu zerschneidende Tomate und das beste Messer unseres Haushaltes und wird von selbigem so gut wie halbiert. Annie jault auf, hüpft in Küche, Bad und Gang gleichzeitig herum, lehnt sich gegen Türpfosten, jault, schließlich kauert sie in einer Ecke, hält ihren Finger, den sie vorsorglich in Küchenkrepp gewickelt hat, fest umklammert und knurrt leise, als ich mich ihr nähere.

"Zeig mal her, den Finger", sage ich, "ich klebe ein Pflaster drauf."

"NEIN!"

"Jetzt stell dich nicht so an..."

"GEH WEG!"

"Was willst du denn jetzt machen?"

"Hier sitzen bleiben und den Finger festhalten."

"Willst du nicht doch ein Pflaster...?"

"NEIN!!! HAU ENDLICH AB, VERDAMMT!!!"

Leise aufseufzend lade ich mein allezeit bereites Betäubungsgewehr mit einer Kanüle Hellabrunner Mischung und lege an.

Annies Nackenzipfel stellen sich auf, sie zeigt ihre Zähne und faucht: "DAS TUST DU NICHT!"

Ich scheuche sie mit dem Gewehr im Anschlag ins Badezimmer, begutachte die Bescherung, versprühe einen halben Liter Wunddesinfektionsmittel, klebe ein Pflaster drauf, drohe damit, den Abdecker zu rufen, wenn sie nicht auf der Stelle zum Arzt geht, und nehme ihr darüber hinaus das Versprechen ab, den Arzt in der Notfallpraxis am Leben zu lassen, auch wenn er Spritzen verteilen sollte.

"Jetzt hör aber auf!"

"Ich möchte nur mal daran erinnern, daß du Dr. Jäger beinahe den Finger abgebissen hättest, als er..."

"DR. JÄGER WAR GROB!"

"Und die arme Arzthelferin bei Dr. Schaaf..."

"DIE WAR VOLL GROB!"

"Ja, wie auch immer... Läßt du die Praxiseinrichtung ganz, oder muß ich mitkommen?"

Ich unterstreiche meine Frage mit einem zufälligen Schlenker des Gewehrs in Annies Richtung.

"MANN, was du immer über einen denkst..."

Sie schnauft verächtlich, packt einen dicken Wälzer zum bereits im Rucksack liegenden, dicken Wälzer dazu, gibt mir einen Abschiedskuss und zieht von dannen.