Liebesgrüße aus Berlin

Einmal die Geburtenstatistiken für 2005 gelesen und die salbungsvollen Worte unserer Herren Volksvertreter obendrein, und schon schrieb sich diese kleine Geschichte wie von Zauberhand...

Bei K.s klingelt es. Es ist Samstagmorgen, halb neun, Frau K. und ihr Mann haben es sich noch etwas im Bett gemütlich gemacht. Es klingelt. „Gar nicht beachten,“ sagt Herr K., „ist bestimmt wieder so ein Prospekteverteiler.“ Es dauerklingelt. Jetzt wird auch noch an der Tür gehämmert und eine barsche Stimme verlangt, die Tür zu öffnen, oder... Man hätte da spezielle Maßnahmen... Herr und Frau K. zucken zusammen. „Hast du etwa...?“ fragt Frau K. zögernd. Herr K. schüttelt energisch den Kopf. Sie bleiben auf dem Bett sitzen.

„Herr und Frau K.! Öffnen Sie auf der Stelle die Tür, wir wissen, daß Sie da drin sind! Nun nehmen Sie doch Vernunft an, sonst müssen wir die Tür aufbrechen.“ Dumpfe Schläge, die offensichtlich gegen die Türe ausgeführt werden, lassen die K.s aufschrecken. Halbnackt sprintet Herr K. zur Wohnungstür und sperrt hastig auf. Vor ihm steht ein Mann mit einer Axt, welche in der Wohnungstür der K.s drei tiefe Kerben hinterlassen hat. Herr K. weicht instinktiv zurück, wobei sein Morgenmantel aufgeht. „Ah ja, sehr schön...“ lächelt der Mann, „an der Funktionalität Ihrer Zeugungsorgane kann es also nicht liegen...“

Panisch bedeckt Herr K. seine Blöße mit dem Morgenmantel und betrachtet den Mann etwas genauer. Hellgrauer Anzug konservativen Zuschnitts, weißes Hemd, Krawatte, semmelblonde Haare, randlose Brille, Aktenkoffer, Klemmblock, Axt und ein joviales Lächeln.

„Mein Name ist Müller,“ der Mann streckt Herrn K. die Hand entgegen. „Siegfried Müller, vom neugegründeten Amt zur Anhebung der Geburtenrate, kurz AzAG, hier ist meine Karte, – aah, und da haben wir ja auch die Dame des Hauses...“

Frau K. ist aus dem Schlafzimmer gekommen, um nach Herrn K. zu sehen, sie hat sich ihren Morgenmantel fest um die Hüfte geschlungen. Herr K. zeigt Frau K. die von Herrn Müller überreichte Karte, sie lesen.

Siegfried Müller
Amtlich bestallter Zeugungsverhelfer
Amt zur Anhebung der Geburtenrate
10704 Berlin

„Was für gebärfreudige Hüften, meine Liebe,“ sagt Herr Müller. „Jammerschade, daß Sie beide noch keine Kinder haben, aber das läßt sich ja ändern. Ich hätte jetzt gerne einen Kaffee.“

Er wedelt ein wenig mit der Axt gegen Herrn und Frau K., die in die Küche rennen, um Herrn Müller zu seinem Kaffee zu verhelfen. Ein wenig später sitzen beide aneinandergeklammert auf dem Wohnzimmersofa und Herr Müller hält einen Vortrag. Die Axt hat er gegen den Fernseher gelehnt.

„Wie Sie wissen,“ sagt er und sieht Herrn und Frau K. scharf an, „ist die Geburtenrate hierzulande seit mehreren Jahrzehnten rückläufig, was dramatische Auswirkungen auf unser ganzes soziales Gefüge haben wird, das dürfte Ihnen nicht unbekannt sein, das ist ja nichts Neues. Nun hat unsere Bundesregierung beschlossen, einige Maßnahmen zu ergreifen, die diesen Umstand, na, sagen wir mal, drastisch Abhilfe verschaffen sollen. Drastische Umstände verlangen drastische Maßnahmen, wie ich immer zu sagen pflege...“

Herr Müller nimmt einen Schluck Kaffee und räuspert sich.

„Jetzt werden Sie sich natürlich fragen, was ich hier bei Ihnen mache, nicht wahr?“

Herr und Frau K. nicken verschüchtert, sagen aber kein Wort.

„Nun,“ sagt Herr Müller, “Sie sind ein junges Ehepaar, deutsche Staatsbürgerschaft, Mitte Zwanzig und Anfang Dreißig, beruflich erfolgreich, Sie haben eine Wohnung, sind finanziell unabhängig und sind seit fünf Jahren glücklich verheiratet. Ist das richtig?“

Wieder nicken beide.

„Unsere Unterlagen belegen, daß bei keinem von Ihnen gesundheitlichen oder psychischen Probleme vorliegen, die der Zeugung, Austragung und Erziehung eines oder mehrerer Kinder im Wege stehen würden, trotzdem sind Sie Ihrer staatsbürgerlichen Pflicht, diesem Land Kinder zu gebären, immer noch nicht nachgekommen.“

Er deutet auf Frau K.: „Sie bringen mir jetzt mal Ihrer beider Gesundheitskarten.“

Frau K. springt auf und sucht die Gesundheitskarten.

Herr Müller greift währenddessen nach seiner Aktentasche und entnimmt ihr einen tragbaren Computer und ein Lesegerät. Er lächelt Herrn K. an, „Wo ist denn hier eine Steckdose?“ Herr K. geht auf die Knie und fördert nach einigem Kramen in einer Sofaritze eine Steckleiste zutage.

Als Frau K. Herrn Müller die Gesundheitskarten reicht, hat dieser den tragbaren Computer schon auf den Wohnzimmertisch gestellt und durchforstet seine Datenbank, er winkt Frau K. sich wieder zu setzen und steckt die Karten nacheinander in das Lesegerät.

„Keine Verschreibung oder Erwerb von Kontrazeptiva in den letzten Monaten. Gehe ich Recht in der Annahme, daß Sie beide Kondome benutzen?“

Herr K. springt empört auf, will etwas sagen, doch seine Frau zieht ihn ängstlich aufs Sofa zurück und bejaht leise.

„Bestens, die Kondome konfisziere ich später“ sagt Herr Müller, „laut den gynäkologischen Aufzeichnungen müßte Ihre Frau in den nächsten fünf Tagen empfängnisbereit sein. Sie sind während dieser Zeit natürlich beide beurlaubt, Ihre Vorgesetzten wissen Bescheid. Sie stehen ab jetzt unter Hausarrest. Ich hoffe sehr, daß ich Sie zu nichts zwingen werde müssen.“

Er sieht sich ein wenig im Wohnzimmer um.

„Ich werde wohl hier schlafen.“