Ich bin nicht Anne

Ich möchte mich in diesem Stück Text mit der Wirkung einer Person beschäftigen, deren Plazierung auf unserer Europa-Liste ich mittlerweile für einen großen, nicht wieder gutzumachenden Fehler halte. Es geht um Anne Helm, eine Berliner Piratin, die es zunächst für eine hervorragende Idee hielt, etwa zum Gedenktag der Bombardierung Dresdens vermummt und mit nacktem, bemaltem Oberkörper („Thanks Bomber Harris“) am Rande einer Antifa-Gegendemo in Dresden vor einer Kamera zu posieren und dieses Bild dann über die sozialen Medien verbreiten zu lassen, um, wie sie selbst es ausdrückt, „Nazis zu provozieren“, kurzum: ihre Mitwirkung am sogenannten #bombergate.

Auf die Frage, wie die Bombardierung von Dresden polit-historisch, ethisch, (kriegs)rechtlich und von den Opferzahlen her zu bewerten ist, möchte ich nicht detailliert eingehen. Nur soviel zum Ausgang des Zweiten Weltkriegs: Ich schätze mich glücklich, daß die Deutschen ihn nicht gewonnen haben und ich bin den Alliierten sehr dankbar, daß sie diesen von Deutschland und seinen Verbündeten begonnenen Krieg geführt haben, mit allen sich daraus ergeben habenden Konsequenzen.

Noch ein kurzer Exkurs zu Dresden ... Unglücklicherweise wurden die anfänglich überhöhten und in den letzten Jahrzehnten allmählich nach unten korrigierten Opferzahlen sowie die Zerstörung dieser Stadt von allen möglichen Seiten ausgeschlachtet. Um nur eine unter vielen zu nennen: Einige der heutigen Bürger und viele Glatzen Dresdens wiederholen auf ihren Gedenkveranstaltungen und Revisionistenaufmärschen ironischerweise, was der Gedenkkultur der SED-Oberen zu DDR-Zeiten als Argument gegen den bösen kapitalistischen Westen nur recht und billig war (sinngemäß: „Kulturbarbarei“, „geschändetes Elbflorenz“, „arme deutsche Opfer“, „böse alliierte Großkapitalisten-Kriegstreiber“ usw.).

Tragisch genug also, daß gewisse, sich als links definierende Piraten heutzutage gegen ein Geschichtsverständnis anskandieren, das sich als links definierende Machthaber einer Hälfte Deutschlands fast vierzig Jahre vermittels Erziehungsdiktatur eingebleut haben. Wo erstere doch liebend gerne ebenfalls „erzieherisch“ tätig werden, unter anderem durch Diskreditierung anderer Meinungen, haltlose „Nazi“-Vergleiche, koordiniert wirkende Spamblockaktionen und die Erstellung von buntgemischten Listen angeblicher und tatsächlicher politischer Gegner. Vielleicht wäre der erste Ansatz zu einer Verbesserung, damit aufzuhören, Menschen durch Anschreien und (virtuelles) Herumschubsen erziehen zu wollen. Überreden funktioniert in der Regel besser, dauert allerdings auch länger.

Doch zurück zu unserer Protagonistin: Anne ist talentiert, scheint was im Kopf zu haben, ist fotogen, verdient ihr Geld damit, anderer Leute Texte professionell vorzutragen, setzt diese Professionalität ebenso beim (Er-)Stellen und Debattieren von Asylrechts- und anderen Anträgen auf Parteitagen ein und wirkt dabei sehr klar, sehr zielgerichtet und selbstsicher. Das ist für mich die Beschreibung der idealen Piratenpolitikerin, die man liebend gerne nach vorne stellen und machen lassen würde – auch und grade im Europäischen Parlament.

Leider kann ich das nach vorne stellen und machen lassen nicht befürworten, wobei meine politischen Ansichten zu #bombergate hierbei höchstens eine zweitrangige Rolle spielen. Viel wichtiger sind mir jene Aspekte, die mit Organisation, Koordination, strategischem Talent, Kommunikation, (Selbst-)Kontrolle, Kritikfähigkeit, Integrität und Vertrauenswürdigkeit zu tun haben.

Anne war offenbar nicht in der Lage, die ihre eigene Person betreffenden Auswirkungen ihrer Aktion abzuschätzen. Sie wollte Nazis provozieren, damit die mal richtig sauer werden. Das ist ihr gelungen, jetzt sind die Nazis mal richtig sauer – auf Anne. Es tut mir leid, daß sie bedroht wird, daß ihre Einschätzung nicht aufgegangen ist, und ich hoffe, daß man ihr (auch staatlicherseits) Schutz und Hilfe anbieten kann. Ausgesprochen peinlich finde ich allerdings ihre stillschweigende Annahme, daß man bei einer solchen Aktion ganz bestimmt nicht auffliegen oder geoutet werden könnte, weil ja alle normalen Leute gegen Nazis sind und garantiert dichthalten.

Anne hat die Dresdner Aktion (wohl aufgrund dieser Fehleinschätzung) nicht sonderlich gründlich geplant und somit (vor allem im Sinne ihrer eigenen Sicherheit und ihres eigenen Wohlergehens) grob fahrlässig gehandelt. Woher ich das wissen will? Da reicht eine Frage: Wie verdammt nochmal kam die CDU (die angeblich an den Kurier lanciert hat) an Bilder von Anne mit nacktem beschriftetem Oberkörper, Gürtel, Tattoo, gut erkennbarem Gesicht und anderen spezifischen Merkmalen? Waren die eventuell von irgendwem im Vorfeld der Dresdner Aktion stolz in den Social Media gepostet worden? Jetzt mit dem Finger auf die Berliner CDU zu zeigen, weil diese Lücke angeblich von denen ausgenutzt wurde, ist, wenn man die politischen Spielchen mitspielen will, aber es leider doch nur für politischen Aktivismus reicht, geradezu grenzenlos naiv.

Diese Naivität ist außerdem Teil einer Nachbereitungs- und Kommunikationsstrategie, die ich als nicht vorhanden bezeichnen möchte: Ausflüchte, Schweigen, Untertauchen, dubiose Statements zu einem Zeitpunkt, wo ein Statement bestenfalls überflüssig war (Sie war es doch nicht! Sie wurde zu Unrecht verdächtigt! Wozu erklärte sie sich dann ellenlang? Hm...). Hinzu kommen die seltsamen Anwürfe und Solidaritätsaktionen von Annes „Freunden“, einem Personenkreis innerhalb der Piratenpartei, der hauptsächlich damit beschäftigt ist, sich und seinesgleichen für geil, super, ideologisch überlegen, politisch gebildet, strahlend und perfekt zu halten und alle „Außenstehenden“ pauschal abzuwerten, insbesondere, wenn diese die „falschen“ Sichtweisen haben. Natürlich hat dieser Personenkreis immer recht und alle anderen sind, weil's halt in den Kram paßt, eh „Nazis“, „Nazis“ haben eh unrecht und können gerne hauptberuflich die Fresse halten, solange sie die Verwaltung am Laufen halten und schön ihren Mitgliedsbeitrag zahlen, damit die Strahlemenschen strahlen können, danke auch.

Hinzu kommt, daß Anne und ihre Freunde sich nicht zu schade sind, Parteifreunden, von denen sie sich Unterstützung versprechen, erst massiven Bullshit zu erzählen, diesen Bullshit dann im Namen des BuVo verbreiten lassen, nur um den BuVo dann komplett auflaufen zu lassen, verheerende Außenwirkung inklusive, weil, ups, war nun doch eher Bullshit (sorrysag!) Die Shitstormeingrenzungsaktionen des Piraten-Bundesvorstands fußten auf der Aussage von Anne, an der Dresdner Aktion nicht beteiligt gewesen zu sein, und dieser Schaden wird wohl so schnell nicht wieder gutzumachen sein.

Annes Aussage ist angesichts ihrer Risikovermeidungsstrategie (die voll provozierende Aktion durchziehen, die blöden Nazis provozieren, sich selber voll geil finden und feiern, sich aber trotzdem keine Mord-, Folter- und Vergewaltigungsdrohungen einfangen, seine Adresse nicht auf einer Anti-Antifaliste veröffentlicht sehen, keine Hakenkreuze an die Wohnungstür gesprüht kriegen – Antifa-Vollkasko-Versicherung halt) zwar (ernsthaft!) gut nachvollziehbar, aber angesichts ihrer auf naiven Selbstüberschätzung basierenden verkackten Planung doch ein kleines bißchen unfair gegenüber allen Beteiligten, die im Vorfeld nicht informiert wurden und jetzt irgendwie versuchen müssen, mit der dadurch entstandenen Situation klarzukommen, in die sie da hineingestolpert sind. Hab ich schon bemerkt, daß Anne damit den Lack des BuVos ankratzt, der sie stützt? Ja? Dann betone ich es eben nochmal: das schwächt den BuVo!

Die Situation, das ist nichts weniger als ein an die Wand geklatschter Wahlkampfauftakt für die Europawahl und eine personell ohnehin schon geschwächte Partei, die am Rande eines Kollaps steht, weil die nicht ganz so strahlenden, sich ganz nicht so ideologisch überlegen dünkenden, nichtswürdigen Restpiraten entweder enttäuscht, sauer, demotiviert oder alles zusammen sind bzw. reihenweise austreten. Nicht unbedingt nur wegen Anne, aber irgendeinen Tropfen gibt’s ja immer, der das Faß zum Überlaufen bringt. Eigentlich kann einem jede Person leid tun, die meint, daß man sich auf Anne, Annes Wort oder das ihrer Freunde noch verlassen kann. Im Zweifelsfall ist man dann eben verlassen.

Im Gegenzug sind Anne und ihre Freunde natürlich umgehend mit Vorwürfen zur Hand, wenn die erwartete, kritiklose und vollumfängliche Unterstützung aka „Solidarität“ ausbleibt, denn die von ihnen verursachte Situation können wir ja alle gemeinsam ausbaden. Zu kritisieren haben wir mal garnix, denn diese Helden des Alltags reiben sich im täglichen Kampf gegen die Nazis die Twitterfinger an ihren Smartphonedisplays wund und provozieren die Nazis ganz oft und ganz hart auf Facebook, und am liebsten, wenn es nur gefühlte Nazis sind, die das Licht nicht gesehen haben, ihre Binnenmajuskeln nicht richtig setzen und denen ganz allgemein die politische Bildung sowie das Stadtguerilla-Flair abgehen.

Außerdem sollten wir gefälligst anerkennen, daß Anne ihre Beteiligung an der Dresdner Aktion dann doch noch eingeräumt hat. Ich anerkenne. Ich drücke die Daumen, daß es Strafanzeigen auf diejenigen hagelt, die Anne bedroht haben, gerne mit ernsthaften Konsequenzen. Mehr ist von meiner Seite nicht drin.

Ich hoffe, daß Anne nicht ins Europaparlament einzieht. Ich halte sie aus oben genannten Gründen für unfähig, ein Mandat zu bekleiden und würde mir wünschen, daß Anne erkennt, daß sie aufgrund der derzeitigen Situation keine Person ist, die unsere Partei nach außen hin vertreten sollte.

Das bedeutet, daß ich meiner eigenen Partei, deren Wahlkampf ich im Sommer noch unterstützt habe, auf deren Kommunallliste ich als Füllselkandidatin stehe, wünsche, daß sie bei den Europawahlen maximal vier oder fünf Prozent holt und nicht alles, was möglicherweise mit einem überzeugenden Wahlkampf rauszuholen wäre. Und das ist ein Gedanke, der mich wesentlich mehr verstört als #bombergate.

Ich bin nicht Anne und will auch nicht Anne sein.


Nachtrag 1: Dies ist eine leicht gebürstete Version des Textes, den man gestern schon im Piraten-Sync-Forum auf der sogenannten BY-misc (Link auf das Syncforum) lesen konnte, allerdings nur, wenn man sich  dort einloggt. Da ich noch immer zu faul bin, um hier mal eine Kommentarfunktion einzubauen, würde ich vorschlagen, weiterhin dort zu kommentieren, wenn man denn möchte.

Nachtrag 2: Der Text konnte die Erklärung von Anne, die sie auf einer Demo in Berlin verlesen hat, noch nicht berücksichtigen (Ich kenne nur die ungefähre Twitter-Zusammenfassung): Es täte ihr leid, sie würde es gerne ungeschehen machen, sie würde aber weitermachen. Das bedeutet natürlich, daß die Europa-Kandidatur aufrechterhalten wird und wir uns wahrscheinlich schon auf die nächste planlose Aktion freuen dürfen, die unsere Partei unter die 0,5 % drückt. Die Rufe nach Annes unfreiwilliger Entfernung von der Europa-Liste schenkt Euch bitte. Wer sowas nicht aus der Einsicht heraus Scheiße gebaut zu haben und für die Partei eher schädlich zu sein macht, sondern gezwungen wird, kann sich hinterher als Märtyrer inszenieren, und darin haben Anne und ihre Freunde bekanntlich schon Routine.

Und noch etwas: Wir werden in den nächsten Monaten alle Piraten brauchen, deren Mägen kräftig genug sind, die nächsten Monate zu überstehen. Der nächste Bundesparteitag bietet dann die Gelegenheit, unseren lieben Strahlemenschen vermittels unserer Stimmkarten zu zeigen, daß sie in unserer Partei in der Minderheit sind - tretet also bitte nicht aus.

Und zuletzt: Ich wiederhole nochmal, daß ich meine Verurteilung von Annes Aktion nur sekundär ihrer ideologischen Ausrichtung zuschreibe, sondern ihrer Unfähigkeit, solche Aktionen zu planen, und der von ihr und ihren Freunden wiederholt an den Tag gelegten Beratungsresistenz. Man könnte manchmal meinen, sie machen das absichtlich...