Warum mir feministische Debatten so häufig komplett am Arsch vorbeigehen

tl;dr: Einige „feministische“ Forscherinnen neigen dazu, Debatten in eigener Sache durch Verkürzung und Polemik von Anfang an zu vergiften. Wie Anita Sarkeesian mir ihre „tropes“ abspenstig machte, weil sie unbedingt „Dragon Age: Origins“ mit verwursten mußte.

These: Feministische Eigensabotage durch Verkürzung und Polemik

Viele Feministinnen springen auf jeden Zug auf, der ihnen für's Fortkommen in der Sache gewinnbringend erscheint, wollen „wissenschaftlich“ argumentieren, recherchieren aber selten gründlich und sabotieren ihre eigene Argumentation durch das Anbringen von verkürztem, polemischem Bullshit (garniert mit ein wenig vernuscheltem Disclaimer), der Leuten, die sich ein wenig in der Materie auskennen, die Tränen in die Augen treibt.

Beleg: Anita Sarkeesian und „Dragon Age: Origins“

In einem Video (Women as Background Decoration: Part 2) aus ihrer auf Youtube veröffentlichten Vortragsserie „Tropes vs Women in Video Games“ benutzt Anita Sarkeesian auch drei Schnittszenen aus „Dragon Age: Origins“ zum Zwecke der Untermauerung ihrer These, schwache, unterdrückte, nichtsdestotrotz aufgeilend gestaltete Frauenfiguren müßten in Computerspielen hauptsächlich zur Untermalung „des Bösen“ und der Rechtfertigung von Gewaltexzessen durch den Helden (aka dem Spieler, der von ihr wohl grundsätzlich für männlich gehalten wird) herhalten.

Ich hätte vor Wut am liebsten die Kante meines Schreibtisches zerbissen, als ich beim Betrachten von „Women as Background Decoration: Part 2“ praktisch in der ersten Sekunde eine Schnittszene aus der City Elf Herkunftsstory, die ich in „Dragon Age: Origins“ bereits gespielt hatte, wiedererkannte, und erläutere gerne, weshalb mir das so sauer aufstößt.

Ort und Zeit von „Dragon Age: Origins“ entsprechen in etwa dem europäischen Spätmittelalter bzw. der frühen Neuzeit/Renaissance, die im Spiel präsentierten Gesellschaftsordnungen sind überwiegend feudalistisch. Alle Begleitumstände dieses Zeitalters, also auch politische Machtspiele, Verfolgung, Ghettoisierung und/oder Kasernierung zwecks „Unschädlichmachung“ von allen möglichen Minderheiten (vor allem Elfen und Zauberer), Xenophobie, Kastenwesen, offener und latenter Rassismus, Hexenverfolgung, Überwachung, Gewalt, Krieg, Kriegstraumata, Verlust nahestehender Menschen, Bürgerkrieg, Zivilisationsbruch, Clash of Cultures, Flucht, illegaler Sklavenhandel, Religion, religiöser Fanatismus, Irrglaube, sexuelle Devianz, Prostitution, Homosexualität, Bisexualität, sexuelle Ausbeutung Abhängiger, Sexismus, Feminismus werden thematisiert. Vieles davon wird auch von den spielbaren Figuren aufgegriffen und kann in den Dialogen diskutiert werden.

Abgesehen von der Magie und den Drachen, die im Spiel vorkommen, existiert ein sehr entscheidender Bruch zur (damaligen) Realität: Frauen haben in dieser Gesellschaft das Recht – und zum Teil sogar die Pflicht – Waffen zu tragen und sich an Kampfhandlungen zu beteiligen, außerdem stellen Frauen in der Religionsgemeinschaft der Andrastianer, die eine dem Christentum ähnliche, weibliche Erlöserfigur verehrt, die Priesterschaft.

Alleine die bis zu neunköpfige Truppe, die der Spieler im Laufe des Spiels als Gruppenmitglieder um sich scharen kann, enthält nicht weniger als vier starke Frauenpersönlichkeiten (auch wenn sich eine davon erst spät also solche entpuppt), außerdem sind in vielen Nebenhandlungen prägnante Frauencharaktere mit beteiligt, die man alles mögliche nennen kann, nur nicht „stereotyp dargestellte Opferfiguren, die ausschließlich dazu gedacht sind, exzessive Gewalthandlungen durch den Spieler zu rechtfertigen“.

Hinzu kommt, daß viele Konflikte im Spiel mit friedlichen Mitteln (also durch Geldzahlungen, Verhandlungen, Drohungen oder Überredung) gelöst werden – diese (teils höchst moralischen) Entscheidungen liegen beim Spieler und beeinflussen die Handlung ganz erheblich. Und ich – ich gebe das gerne zu – genieße sowohl die brutalen, blutspritzenden Gewaltszenen, als auch die Möglichkeit, Konflikte durch das Ausprobieren alternativer Dialog- und Handlungsmöglichkeiten zu lösen, nur um zu sehen, was dabei herauskommt.

Die Figuren und Handlungen von „Dragon Age: Origins“ sind derart brillant und gleichzeitig so natürlich scheinend ausgearbeitet, die Entscheidungs- und Interaktionsmöglichkeiten – gerade was die Auswirkungen auf die Handlung des Spiels betrifft – so vielfältig und komplex, daß ich es für eines der besten Spiele halte, die jemals produziert wurden. Ich habe es mittlerweile fünf- oder sechsmal mit wechselnden Charakteren durchgespielt und werde es vermutlich noch einige Male mit Genuß spielen, den mir auch die auf Aneinanderreihung von Klischees und üblen Szenen basierenden Videos einer Anita Sarkeesian nicht nehmen werden.

Von diesem wunderbaren, perfekten Spiel, das Abhandlungen und Doktorarbeiten bis zum Abwinken verdient hätte, bringt die „Forscherin“ Anita Sarkeesian ein bis zwei Schnittszenen in ihrem Video unter, weil sie grade so schön ins Klischee passen. Ihre Bemerkung am Anfang des ersten Teils von „Women as Decoration“, daß Spiele, die „tropes“ enthalten, auch wertvoll und bereichernd sein können, ist mir zwar nicht entgangen, dennoch erweckt alleine das Beispiel „Dragon Age“ in mir den Verdacht, daß viele andere Beispiele in Anita Sarkeesians „Tropes“-Videos ebenso verkürzt und – wohl auch absichtlich polemisch – ausgewählt und präsentiert wurden.

Fazit: Verkürzung und Polemik gehen IMMER auf Kosten der Debatte

Selbstverständlich hat Anita Sarkeesian jedes Recht, ihre Thesen zu präsentieren, Geld für ihre Forschung einzusammeln und Verkürzung und Polemik zur Präsentation ihrer Ergebnisse einzusetzen. Selbstverständlich ist es nicht hinnehmbar, daß eine scharf geführte Debatte aus der Gamer-Szene nahezu unvermittelt in Beschimpfungen, Nachstellungen, Demütigungen und zum Teil existentielle Bedrohungen übergeht. Das ist im Fall Sarkeesian geschehen und ich würde mir wünschen, daß jede einzelne Person, die sich dazu verstiegen hat, Anita Sarkeesian zu bedrohen, ihr eigenes Ermittlungsverfahren erhält und zur Strafe Klos putzen oder einer anderen sinnvollen Beschäftigung nachgehen darf.

Nichtsdestotrotz sollten feministische Aktivistinnen sich etwas gründlicher der Frage widmen, ob Verkürzung und Polemik wirklich soviel besser ziehen als die eingehende und faire Beschäftigung mit einzelnen, aus dem übrigen Angebot herausstechenden Computerspielen, die durchaus dazu geeignet sein können, einen Wandel im Bewußtsein junger, formbarer Menschen herbeizuführen, auch wenn man dafür einige „tropes“ – die in Film, Literatur, Berichterstattung und Werbung ebenso zum Vorantreiben von Handlungen oder Schlimmerem herangezogen werden – in Kauf nehmen muß. Wenn man Sarkeesians Argumentation folgt, hätten mindestens 90% der existierenden Weltliteratur niemals geschrieben werden dürfen. Außerdem stellt sich natürlich die Frage, ob es sich lohnt, auf diese Art und Weise eine ganze Szene zu verärgern, die man für sich gewinnen müßte, um "für die Sache" auch nur einen Fuß auf den Boden zu kriegen.

Die faden Fiktionen und „Happy World“-Szenarien, die einigen kulturkämpferischen Vertreterinnen des „Feminismus“ scheinbar als erstrebenswertes Ziel vorschweben, können sie gerne bei der Produktion eigener Kunstwerke einsetzen und auf den Markt werfen. Ich bin nicht scharf darauf, ihnen auch nur ein Stück davon abzukaufen und bevorzuge es, mich von ihren kruden Ideen weitestgehend zu distanzieren.